Digitalisierung im Bahnbereich – Anforderungen von morgen



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1. Einleitung – Wo befinden wir uns heute?

Wir stehen derzeit am Anfang einer atemberaubenden Veränderung innerhalb der Arbeitswelt. Getrieben durch die Digitalisierung entstehen neue Businessmodelle und Arbeitsformen, alte werden scheinbar abgelöst. Die junge Generation scheint sich immer weniger den altbekannten Arbeitsstrukturen verpflichtet zu fühlen. Was bedeutet dies für einen vergleichsweise traditionellen Industriezweig wie die Schienenverkehrsindustrie? Wie bereiten wir unsere Mitarbeiter auf den Einsatz neuer Technologien vor? Wie sieht das Personal der Zukunft aus? Welche Kooperationsmodelle brauchen wir in Zukunft? Welche Kompetenzen sind zukünftig gefragt? Wie kann ich schon heute dafür sorgen, dass die Schiene auch morgen noch „sexy“ ist?

Die bestehende Infrastruktur wird sicherlich noch länger Bestand haben. Aber darauf sollte man sich nicht ausruhen. Auch eine vergleichsweise traditionell aufgestellte Industrie wie die Schienenverkehrsindustrie ist gut beraten, sich mit den Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, auseinander zu setzen. Daher stellen sich die folgenden Fragen: Wollen wir mitlaufen oder gestalten? Was sind unsere Antworten auf die Frage nach der Vernetzung der Verkehrsträger? Welche neuen Geschäftsmodelle sind denkbar? Welchen Zusatznutzen können wir für den Endkunden – bspw. dem Fahrgast oder einem Logistikunternehmen – generieren? Wie sehen Kooperationen zwischen Unterlieferanten und OEMs (Original Equipment Manufacturer) zukünftig aus – technisch und nicht-technisch?

Die neuen Technologien werden vielfältige Möglichkeiten in der Interaktion zwischen den Gewerken und Modulen schaffen und damit auch neue Geschäftsfelder eröffnen. Unsere Mitarbeiter sollten wir schon heute darauf vorbereiten und ermuntern an der Entwicklung zu partizipieren. Der Artikel möchte für einen Perspektivwechsel werben, einige Denkanstöße geben für die Arbeitswelt in der Bahnindustrie von morgen und was dies für unser Personal bedeutet. Denn: Alle reden von Digitalisierung, aber wissen wir schon genug darüber? Der Artikel spricht dabei den Personenverkehr und den Güterverkehr gleichermaßen an.


2. Was versteht man eigentlich unter Digitalisierung?

Bevor wir uns den Besonderheiten der Bahnindustrie widmen, lohnt ein kurzer Blick auf den Stand der Diskussionen zum Thema Digitalisierung. Haben wir hier schon ein gemeinsames Verständnis? Reden wir von denselben Dingen, wenn wir das Schlagwort Digitalisierung benutzen? Bei diesem Blick laufen einem derzeit jede Menge Schlagwörter über den Weg – auch genannt Buzzwords: IoT/IIoT, Scrum, agiles Denken, Disruption, VUCA-Prinzip, Big Data, Artificial Intelligence, Smart Factory, Virtual Prototyping, Smart Maintenance, um nur einige zu nennen. Auch stellen wir fest, dass sich mittlerweile alles mit dem Begriff „4.0“ schmückt: Industrie 4.0, Arbeitswelt 4.0, Consulting 4.0, Personal 4.0, Güterbahnen 4.0 etc. Bekannterweise steht hierbei das Kürzel „4.0“ für die sogenannte 4. Industrielle Revolution, die man sich von der Digitalisierung verspricht.

Nach Prof. Dr. Thorsten Petry von der Hochschule RheinMain wird bei dem Begriff „Digitalisierung“ unterschieden zwischen einem rein technischen und einem gesamthaften Verständnis:

  • Rein technisch: Unter Digitalisierung versteht man im engeren Sinne die Aufbereitung von Informationen zur Verarbeitung oder Speicherung in einem digitaltechnischen System.
  • Gesamthaft: Die Digitalisierung ist ein durch technologische Entwicklungen getriebener bzw. ermöglichter Transformationsprozess von Unternehmen bzw. ganzen Branchen, der weitreichende strategische, organisatorische sowie soziokulturelle Veränderungen mit sich bringt.

Für die technische Dimension können heute schon verschiedene Handlungsfelder aufgezeigt werden:

  • Wert von Daten und Informationen: „Wer die Daten hat, hat die Macht“ & „Daten sind das Gold der Zukunft“
  • Open-X Paradigma: Austausch und Offenlegung von Informationen
  • Digitale Kompetenzen: Schulung dieser Kompetenzen und kulturelle Anpassung
  • Durch die Digitalisierung mögliche modellgetriebene Entwicklungen
  • Revolutionierung der technischen Systeme durch IoT / IIoT
  • Virtuelle Erlebbarkeit

Was die Digitalisierung letztendlich für die Gesellschaft und die Industrie bedeutet, kann heute niemand mit Sicherheit sagen. Über eines besteht aber weitgehend Einigkeit: Die Digitalisierung wird die bisherige Produktlandschaft erheblich durcheinanderwirbeln, für neue Geschäftsmodelle sorgen und neue Arbeitsformen mit sich bringen. Digitalisierung kann also gleich gesetzt werden mit einem mittelschweren Transformationsprozess in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Wer mitspielen will, sollte vorbereitet sein.


3. Einige Entwicklungen im Mobilitätsbereich und was sonst noch so um uns herum passiert

Die Digitalisierung steht nicht für sich allein und kann nicht isoliert betrachtet werden. Es finden parallel eine Fülle von Entwicklungen statt. So präsentiert derzeit der Stuttgarter Hauptbahnhof jede Menge angedachte Zukunft im Transportbereich: „Next Generation Train“, „Moving Platforms“, „Hyperloop“, „OneCar“ etc., um nur einige technisch ausgerichtete Bespiele zu nennen. Das Thema Elektromobilität und autonomes Fahren (AF) ist in aller Munde. Studien gehen davon aus, dass sich die Streckenlänge von automatisierten U-Bahnen von weltweit derzeit rund 800 km auf 2.300 km im Jahre 2025 erhöhen wird (UITP, McKinsey).

Darüber hinaus hat man nicht nur in den Gremien der Schienenverkehrsindustrie Megatrends ausgemacht, als da wären die Umweltanforderungen/Nachhaltigkeit, die Urbanisierung, die Globalisierung der Weltwirtschaft, die Liberalisierung im Schienenverkehr, die Schaffung eines einheitlichen EU-Eisenbahnraumes – und natürlich die Digitalisierung. Nach Prof. Dr. Stefan Rammler (Mobilitäts- und Zukunftsforscher) stehen wir am Anfang vom Ende der uns bekannten Mobilität und Automobilität. Vordenker wie Elon Musk (Tesla) fordern, im Zusammenhang mit der Digitalisierung über ein universelles Grundeinkommen nachzudenken.

Doch damit nicht genug: Diese Entwicklungen fallen zusammen mit dem demographischen Wandel. Wir wollen das Abwandern des Spezialwissens im Sektor Bahn verhindern und gleichzeitig attraktiv sein für die nachwachsende Generation. Diese stellt heutzutage andere Ansprüche. Sie weiß um ihre Bedeutung. Aus dem Arbeitgebermarkt kann auch schnell ein Arbeitnehmermarkt werden. Der Kampf um die Talente (war for talents) wird sich in den nächsten Jahren wohl kaum entspannen.

Die ersten zarten Verknüpfungen zwischen Digitalisierung und dem Mobilitätssektor können schon jetzt beobachtet werden: Vehicle on Demand (www.door2door.io), „Airbnb“ für Privatfahrzeuge (www.get-a-way.com), „predictive Maintenance“ nicht nur im Bahnbereich, „Platooning“ im Transportbereich, AGV – Automated Guided Vehicles BASF etc. Oder bereits eingeführte Konzepte wie www.car2go.com, www.emmy-sharing.de.

Warum ist dies alles erwähnenswert? Schon immer hat sich die Gesellschaft Gedanken über die Zukunft gemacht und versucht, einen Blick in die Kristallkugel zu wagen. Der Blick erwies sich nur in seltenen Fällen als treffsicher. So gab es in dem 1910 erschienenen Sammelband „Die Welt in 100 Jahren“ nicht einen Beitrag zum Thema Automobil. Bei der Einführung der Bankautomaten haben nicht wenige einen Wegfall der Banken prognostiziert. Dennoch hat letztendlich Zukunft immer stattgefunden. Es erscheint erfolgversprechender, den Wandel rund um Digitalisierung mitzugestalten, anstatt passiv und reaktiv am Rande der Tribüne zu sitzen.


4. Was muss getan werden? Sind wir aktiv genug?

Den ideellen und passgenauen Masterplan haben heute die wenigsten. Auch werden wir sicherlich die eine oder andere der aktuellen Vorstellungen revidieren müssen. Dies ist auch nicht weiter schlimm, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass der Prozess iterativ verläuft. Aber massiv einbringen sollten wir uns schon. Dies erwartet die Gesellschaft von uns, dies erwarten unsere Mitarbeiter von uns. Und davon wird nicht zuletzt die Existenz eines jeden einzelnen Unternehmens abhängen.

Schaut man sich die aktuelle Präsenz der Schienenverkehrsindustrie innerhalb der Diskussion zur zukünftigen Mobilität an, fällt auf, dass zwar Aktivitäten der OEMs, der Betreiber, der Zulieferer erkennbar sind (Mindbox DB, 5L-Demonstrator SBB Cargo, Güterverkehr 4.0, AF DB & SBB etc.), sie fallen aber stark hinter den Aktivitäten der Automotive-Industrie zurück. Die Industrie rund um die schienengebundenen Verkehre hat zum jetzigen Zeitpunkt keine wirkliche, auf europäischer Ebene wirkende, schlagkräftige Plattform. Sie ist in der öffentlichen Diskussion um die beiden Treiber Digitalisierung und zukünftige Mobilität nur begrenzt sichtbar und scheint sich zu sehr an das bekannte System Schiene zu klammern. Wo und wie werden in diesen beiden Bereichen die zukünftigen Standards definiert? Wie kann die Transportation-Industrie zum Game-Changer werden? Wie gestalten wir die intelligente Verknüpfung der heutigen und zukünftigen Verkehrsträger, um Service-Lücken zu schließen? Diese Fragen sind nach meiner Wahrnehmung seitens der Schienenverkehrsindustrie bisher unzureichend beantwortet.

Welche Form der Zusammenarbeit brauchen wir in der Zukunft? Das heutige Zusammenwirken von OEMs und der Bahn ist teilweise geprägt von einer Kultur des Misstrauens und nicht vom Mindset vertrauensvoller Kooperationen. Stattdessen wird sehr viel Energie ins Claim-Management gesteckt. Kooperationen und eine auf die Zukunft gerichtete Zusammenarbeit, die das Ganze im Blick haben, können so nur schwer gelingen.

Agieren wir bereits flexibel genug, um der VUCA-Welt zu begegnen? Auch hier sind wir gut beraten, den Boden zu bereiten, damit brauchbare Innovationen – technischer und nichttechnischer Art – entstehen können.


5. Was bedeutet dies für unser Personal?

Business wird von unserem Personal, unseren Mitarbeitern gemacht. Das heutige und das zukünftige. Gerade in Zeiten des Wandels hat das Prinzip „right people, right time, right place“ einen strategisch wichtigen Platz. Hier wird wohl kaum jemand widersprechen. Doch was bedeutet dies nun konkret im Lichte der Digitalisierung und zukünftiger Mobilität?

Kooperationen: Die Innovationsfähigkeit wird zukünftig entscheidend von der Fähigkeit abhängen, Netzwerke aufzubauen sowie Kooperationen & Partnerschaften einzugehen – intern und extern. Dies werden nicht zwangsläufig die sein, die wir heute schon kennen. Wir sollten darauf vorbereitet sein, hier jede Menge Überraschungen zu erleben und alten Denkmustern eine Absage erteilen (darf ich als Bahnexperte mit der Automotive-Industrie oder vielleicht mit der Nahrungsmittel-Industrie sprechen?). Hierarchien werden hierbei zunehmend eine geringere Rolle spielen. Wir sollten unsere Mitarbeiter ermuntern, sich auf die Suche zu begeben, wir sollten sie dahingehend ausbilden und einstellen. Und wir sollten die Führungskräfte zu Führungskräften machen, die unseren Mitarbeitern genau dies ermöglichen. Silo-Denken hat hier keinen Platz. Gegenseitige Wertschätzung ist der Schlüssel für die erfolgreiche Zusammenarbeit in turbulenten Zeiten.

Branchen-Attraktivität: Nur attraktive Unternehmen und Branchen werden weiterhin die notwendige Anziehungskraft auf gute Leute ausüben. Attraktivität entsteht hierbei nicht nur durch ein pfiffiges Produkt oder ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell. Die Generation „Y + Z“ weiß um ihre Bedeutung und stellt Ansprüche. Sie stellt stärker als zuvor die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit und fühlt sich immer weniger zwangsläufig an ein Unternehmen gebunden. Hier wird es darauf ankommen, die richtige Balance zu finden: Einerseits einen gesunden Austausch ermöglichen, andererseits die notwendige Anziehungskraft und Beständigkeit herzustellen.

Neue Berufsfelder: Die Digitalisierung wird jede Menge neue Geschäftsmodelle und damit neue Berufsfelder entstehen lassen. Ein kleiner Indikator dafür ist die Tatsache, dass mittlerweile viele Unternehmen einen CDO (Chief Data Officier) eingestellt haben. Und wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass es mal Stellenbeschreibungen wie die/den „Social Media Monitoring Account Manager/in“ oder die/den „IoT-Lösungsarchitekt/in“ oder die/den „UX-Entwickler/in“ geben wird? Weitere – heute noch unbekannte – werden folgen.

Teamfähigkeit und Diversität: Es wird mehr denn je auf die Fähigkeit ankommen, Probleme im Team anzugehen und im Team zu lösen, um der gestiegenen Komplexität und Schnelligkeit von Veränderungen Rechnung zu tragen. Neuen Strukturen, wie bspw. Hackathons sollte man gegenüber aufgeschlossen sein. Die Teamfähigkeit muss einhergehen mit dem Willen jedes einzelnen Teammitgliedes, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich hat nicht jeder Mensch die gleichen Fähigkeiten und Ausprägungen. Parallel sind die Teamstrukturen so zu wählen, dass eine gesunde Mischung entsteht. Modelle dazu gibt es bereits. Auch hier kommt den Führungskräften eine entscheidende Aufgabe zu. Denn sie entscheiden mit, wer an welcher Aufgabe arbeitet.

Digitale Kompetenzen: Im Zusammenhang mit der Digitalisierung zeichnen sich verschiedene Kompetenzfelder ab, die es zu entwickeln und auszubauen gilt: Design Thinking (Welches Problem lösen wir? Wie lösen wir das Problem? Wie können wir unsere Lösung anbieten?); LeanUX (Der Kunde entscheidet über den Erfolg. Validieren ist wichtiger als implementieren. Gewünschtes Scheitern, schnell und oft); Agile SW-Entwicklung (Changes welcome); Big Data (Fähigkeit im Umgang mit Big Data & Analytics). Auch werden wir uns damit auseinandersetzen müssen, dass von unseren Mitarbeitern zunehmend ein übergreifendes Verständnis erwartet wird in Kombination mit sozialen Kompetenzen. Darüber hinaus wird gerade im Engineering mehr und mehr die systematische und vollständige Umsetzung von digitalen Technologien verlangt werden. IoT-Technologie stellt gewisse Anforderungen an die Struktur von zukünftigen Systemen und Subsystemen. Mit diesen Anforderungen werden unsere Mitarbeiter umgehen müssen.

Experimentierfreudigkeit, Experimentierfelder: Gerade für den Bereich Mobilität werden immer wieder Räume und Möglichkeiten zum Experimentieren gefordert. Dieser Forderung sollte nachgekommen werden. Aber auch hier braucht es den richtigen Reifegrad, die richtigen Mitarbeiter. Das „gewünschte Scheitern“ steckt nicht unbedingt in der DNA unserer Industrie. Dies wird aber ein wesentlicher Baustein sein, um schneller zu Ergebnissen bei komplexen Aufgabenstellungen zu kommen.


6. Fazit und Ausblick – ein kleiner Blick in die Glaskugel

Die Digitalisierung und der damit verbundene technologische Wandel wird alle Industriezweige erfassen – wenn auch nicht zeitgleich. Obwohl uns das Massentransportmittel Schiene – wahrscheinlich – erhalten bleiben wird, werden auch eher traditionell aufgestellte Unternehmen und Bereiche wie die Schienenverkehrssektor sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen müssen. Gleichzeitig bietet der technologische Wandel enorme Chancen und Entwicklungspotentiale. Laufende Prozesse können noch stärker automatisiert werden, neue Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle werden entstehen.

Will man als Industriezweig mitspielen, gestalten und nicht nur am Rande stehen, lohnt sich die Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung. Die Schienenverkehrsindustrie ist gut beraten, sich viel stärker als bisher an der öffentlichen Debatte zu beteiligen. Dabei wird gerade die Transportbranche massiv von dem in der Gesellschaft verankertem Wunsch profitieren, umweltfreundliche und nachhaltige Transportformen zu realisieren. Wird diese Entwicklung gleichzeitig von Modernität, Innovation und dem Service-Gedanken begleitet, ergeben sich viele positive Mitnahme-Effekte.

Die neuen Technologien werden vielfältige Möglichkeiten in der Interaktion zwischen den Gewerken und Modulen schaffen und damit auch neue Geschäftsfelder eröffnen. Unsere Mitarbeiter sollten wir schon heute darauf vorbereiten und ermuntern an der Entwicklung zu partizipieren.

Und am Ende ein kleiner Mutmacher zum Thema Perspektivwechsel:




VUCA: Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity
IoT / IIoT: Internet of Things, Industrial Internet of Things

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» Englischer Artikel („Berlin, Railway Forum 2017“)


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